Sim-Jü in Werne: Wie aus einem mittelalterlichen Markt eine Kirmes-Legende wurde

Geschichte der Sim-Jü in Werne

Mehr als 660 Jahre Geschichte, unzählige Generationen von Kirmesbesuchern und eine Tradition, die bis heute das Herz einer ganzen Stadt erobert: Die Sim-Jü in Werne ist weit mehr als ein gewöhnliches Volksfest. Wenn sich die historische Innenstadt Ende Oktober in ein Meer aus Lichtern verwandelt, Fahrgeschäfte ihre Runden drehen und der Duft von gebrannten Mandeln durch die Gassen zieht, lebt eine Tradition weiter, deren Wurzeln tief im Mittelalter liegen. Doch wie entstand die berühmte Sim-Jü eigentlich? Welche Bedeutung hatte der Markt für die Menschen vergangener Jahrhunderte, wie entwickelte er sich zur modernen Großkirmes und weshalb ist er für Werne bis heute so besonders?

Die Geschichte der Sim-Jü erzählt nicht nur von rasanten Fahrgeschäften und geselligen Stunden. Sie erzählt auch von mittelalterlichem Handel, wirtschaftlichem Aufschwung, technischen Neuerungen und dem Wandel einer Stadt. Vor allem aber zeigt sie, wie aus einem historischen Marktrecht eine lebendige Tradition werden konnte, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.

Die Wurzeln der Sim-Jü in Werne reichen bis ins Jahr 1362 zurück

Um die Geschichte der Sim-Jü zu verstehen, muss man weit zurückblicken. Werne an der Lippe blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im Jahr 834 wurde der Ort urkundlich erwähnt. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelte sich rund um die Pfarrkirche St. Christophorus eine Siedlung, in der sich zunehmend auch Handwerker und Gewerbetreibende niederließen.

Einen entscheidenden Meilenstein stellte das Jahr 1362 dar. Am 13. Dezember dieses Jahres verlieh Bischof Adolf von Münster Werne das Recht, eine Kirmes zu den Heiligen Simon und Juda abzuhalten. Die entsprechende Urkunde ist im Werner Stadtmuseum erhalten.

Sim-Jü Urkunde Simon-Juda-Markt Werne 1632
Sim-Jü Urkunde Simon-Juda-Markt Werne 1632

Dieses Marktrecht war weit mehr als eine bloße Genehmigung für einen Jahrmarkt. Im Mittelalter waren Marktprivilegien ein bedeutender wirtschaftlicher und politischer Faktor. Sie ermöglichten es einer Gemeinde, regelmäßig Händler und Käufer anzuziehen, den Austausch von Waren zu fördern und über die eigenen Ortsgrenzen hinaus an Bedeutung zu gewinnen.

Der Markt brachte Menschen zusammen, die andernfalls häufig weite Wege hätten zurücklegen müssen, um Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Für die örtliche Bevölkerung eröffneten sich zusätzliche Möglichkeiten, während Händler ihre Produkte einem größeren Publikum anbieten konnten.

Das Marktrecht stärkte damit auch die Stellung Wernes in der Region. Die historische Entwicklung des Simon-Juda-Marktes ist eng mit der Stadtgeschichte verbunden: Die Marktrechte von 1362 gehören zu den wichtigen Grundlagen der Entwicklung Wernes zur Stadt.

Bemerkenswert ist dabei, dass das Jahr 1362 als dokumentierter Ausgangspunkt gilt. Daraus lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass zuvor keinerlei Marktveranstaltungen in Werne stattgefunden hätten. Gesichert ist jedoch, dass der Simon-Juda-Markt seit der Verleihung des Marktrechts auf eine mehr als 660-jährige urkundlich belegte Tradition zurückblickt.

Warum heißt das Volksfest Sim-Jü?

Der heute so vertraute Name „Sim-Jü“ klingt für Außenstehende vielleicht ungewöhnlich. Hinter der kurzen Bezeichnung verbirgt sich jedoch eine lange religiöse und historische Geschichte.

Der Name geht auf den Simon-Juda-Markt zurück. Simon und Juda, gemeint sind die Apostel Simon und Judas Thaddäus, teilen sich im kirchlichen Kalender den Gedenktag am 28. Oktober. An diesem Datum orientierte sich traditionell der Markt in Werne.

Die Bezeichnung „Sim-Jü“ ist eine im Laufe der Zeit entstandene Kurzform des Namens Simon-Juda. Nach Angaben der Stadt Werne wird sie bereits seit dem 19. Jahrhundert verwendet.

Auch das historische Wort „Kirmes“ erklärt einen Teil der Entstehungsgeschichte. Es ist eng mit der Kirchmesse beziehungsweise dem Kirchweihfest verbunden. Solche Festtage konnten mit besonderen Märkten einhergehen, zu denen Händler und Besucher aus den umliegenden Orten anreisten.

In der Urkunde von 1362 wurde ausdrücklich festgelegt, dass die Kirmes zu Ehren von Simon und Juda stattfinden sollte, und zwar zwei Tage vor und zwei Tage nach dem entsprechenden Festtag. Damit wurde der Markt in einen klar definierten zeitlichen Rahmen eingebettet.

Aus dieser historischen Verbindung von kirchlichem Gedenktag, Marktgeschehen und gemeinschaftlichem Fest entwickelte sich über Jahrhunderte jene Tradition, die heute unter dem Namen Sim-Jü bekannt ist.

Der Name ist somit nicht einfach eine moderne Werbebezeichnung. Er erinnert bis heute an die historischen Wurzeln des Volksfestes.

Ein mittelalterlicher Markt war noch keine Kirmes mit Achterbahnen

Wer bei der Sim-Jü an spektakuläre Fahrgeschäfte, blinkende Lichter und moderne Achterbahnen denkt, verbindet damit eine Form des Volksfestes, die erst wesentlich später entstand.

Der ursprüngliche Simon-Juda-Markt war in erster Linie ein Handelsmarkt. Händler, Handwerker, Bauern und Kaufleute konnten dort Waren anbieten, einkaufen und Geschäfte abschließen. Für die Menschen aus Werne und dem Umland war der Markt eine Gelegenheit, unterschiedliche Angebote an einem Ort zu finden und zugleich andere Menschen zu treffen.

Die Märkte vergangener Jahrhunderte waren allerdings keineswegs ausschließlich nüchterne Handelsveranstaltungen. Wo viele Menschen zusammenkamen, entwickelte sich auch ein Bedarf an Unterhaltung.

Auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jahrmärkten traten vielerorts fahrende Künstler auf. Dazu gehörten unter anderem Puppenspieler, Gaukler, Akrobaten und Bänkelsänger. Auch Schaustellungen, in denen ungewöhnliche Tiere oder vermeintliche Kuriositäten präsentiert wurden, gehörten zum historischen Jahrmarktgeschehen.

Die Stadt Werne weist in ihrer Darstellung zur Geschichte der Sim-Jü darauf hin, dass solche Unterhaltungsangebote wahrscheinlich auch den Simon-Juda-Markt bereicherten. Wann die ersten Schausteller tatsächlich nach Werne kamen, lässt sich allerdings nicht mehr genau bestimmen.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Während das Marktrecht von 1362 urkundlich belegt ist, können einzelne frühe Attraktionen nicht lückenlos nachgewiesen werden.

Fest steht jedoch, dass sich das Marktgeschehen mit der Zeit wandelte. Neben dem Handel gewann der Unterhaltungsbereich zunehmend an Bedeutung. Aus dem traditionellen Markt entwickelte sich Schritt für Schritt ein Volksfest, bei dem Warenangebote und Vergnügen immer enger zusammengehörten.

Vom Warenmarkt zum Vergnügungsplatz: Die ersten Karussells kommen

Einen entscheidenden Entwicklungsschritt erlebte der Simon-Juda-Markt im 19. Jahrhundert.

Nach der historischen Darstellung der Stadt Werne tauchten die ersten Schaukeln und Karussells Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Markt auf. Damit begann eine Entwicklung, die das Gesicht der Sim-Jü nachhaltig verändern sollte.

Die neuen Attraktionen eröffneten Möglichkeiten, die mit dem klassischen Marktgeschehen wenig zu tun hatten. Besucher konnten nun nicht nur einkaufen, sondern sich aktiv vergnügen. Der Besuch des Marktes wurde zunehmend zu einem Erlebnis für die ganze Familie.

Im Laufe der Zeit kamen weitere Schaustellungen hinzu. Dazu zählten sogenannte Menagerien, in denen Tiere gezeigt wurden, außerdem Hippodrome, Panoramen und besondere Ausstellungseinrichtungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielten auch Kinematographen-Theater Einzug. Sie präsentierten bewegte Bilder und gehörten damals zu den technischen Sensationen ihrer Zeit.

Diese Entwicklung verdeutlicht, wie eng die Geschichte der Sim-Jü mit der Geschichte des modernen Jahrmarkts verbunden ist. Immer wieder griffen Schausteller technische Neuerungen auf, um ihr Publikum zu begeistern.

Was zunächst als zusätzlicher Unterhaltungsbereich neben dem Markt begann, gewann zunehmend an Eigenständigkeit. Die Kirmes entwickelte sich zu einem Publikumsmagneten, der nicht nur wegen der angebotenen Waren besucht wurde.

Dampfmaschinen verändern die Welt der Fahrgeschäfte

Die technische Entwicklung des 19. Jahrhunderts prägte auch die Schaustellerbranche. Der Einsatz von Dampfmaschinen beschleunigte die Weiterentwicklung mechanischer Attraktionen und eröffnete neue Möglichkeiten für den Betrieb größerer und aufwendigerer Anlagen.

Auch auf dem Simon-Juda-Markt veränderte sich das Vergnügungsangebot. Aus einfachen Schaukel- und Karussellangeboten entwickelte sich schrittweise ein vielfältigerer Kirmesbetrieb.

Im Laufe der weiteren Entwicklung kamen unterschiedliche Fahrgeschäftstypen hinzu. Die historische Stadtchronik nennt beispielsweise die sogenannte Berg- und Talbahn, frühe Auto-Karussells sowie später den „Elektroselbstfahrer“, einen Vorläufer jener Fahrgeschäfte, die heute vor allem als Autoscooter bekannt sind.

Später folgten immer schneller und spektakulärer werdende Anlagen. Bezeichnungen wie Blitz-, Schnell-, Weltraum- und Raketenbahnen spiegeln den technischen Fortschrittsoptimismus wider, der die Schaustellerwelt über viele Jahrzehnte begleitete.

Die Entwicklung verlief dabei nicht von einem Tag auf den anderen. Vielmehr wurde das Angebot über lange Zeit hinweg erweitert und verändert. Neue Attraktionen ergänzten ältere Formen des Vergnügens, während sich die Erwartungen des Publikums wandelten.

So wurde aus dem klassischen Jahrmarkt zunehmend eine Kirmes, auf der Unterhaltung und Nervenkitzel eine immer größere Rolle spielten.

Der Viehmarkt: Ein wichtiger Teil der alten Tradition

Neben den Fahrgeschäften prägte lange Zeit auch der Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Tieren die Geschichte des Simon-Juda-Marktes.

Der traditionelle Viehmarkt war ein bedeutender Bestandteil der Veranstaltung. Er passte zur wirtschaftlichen Struktur der Region, in der Landwirtschaft und Handwerk über viele Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle spielten.

Für Bauern und Händler bot der Markt eine Gelegenheit, Tiere zu handeln und wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig kamen Käufer und Verkäufer aus der Umgebung zusammen. Der Markt erfüllte damit eine wichtige Funktion für die regionale Versorgung und den Austausch von Waren.

Mit dem Wandel der Landwirtschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung veränderte sich jedoch auch die Bedeutung des Viehhandels. Der traditionelle Viehmarkt verlor im Laufe der Zeit zunehmend an Gewicht.

An seine Stelle traten andere Angebote, die den veränderten Bedürfnissen der Besucher und Händler entsprachen. Die Sim-Jü blieb damit nicht stehen, sondern entwickelte sich weiter.

Gerade dieser Wandel ist ein wesentlicher Teil ihrer Geschichte. Die Veranstaltung bewahrte ihren traditionellen Termin und ihren Charakter als Treffpunkt, während sich die konkreten Angebote immer wieder veränderten.

Die 1930er-Jahre: Neue Warenangebote für die ländliche Bevölkerung

Ab den 1930er-Jahren wurde das Angebot des Simon-Juda-Marktes verstärkt um Waren erweitert, die auf den Bedarf der bäuerlichen Bevölkerung zugeschnitten waren.

Damit blieb der Markt auch in einer Zeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen eng mit seiner Region verbunden. Die Besucher konnten weiterhin Waren erwerben, die für Landwirtschaft und Alltag von Bedeutung waren.

Der Markt erfüllte somit mehrere Funktionen gleichzeitig. Er war Handelsplatz, Treffpunkt und zunehmend auch ein Ort der Unterhaltung. Gerade diese Verbindung unterschied traditionelle Jahrmärkte von Veranstaltungen, die ausschließlich auf Vergnügen ausgerichtet waren.

Die Geschichte der Sim-Jü zeigt, dass ein erfolgreiches Volksfest nicht unverändert bleiben muss, um seine Tradition zu bewahren. Entscheidend ist vielmehr, dass es sich an neue Zeiten anpassen kann, ohne seine historischen Wurzeln zu verlieren.

1948: Der Landmaschinenpark bringt neuen Schwung

Einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt erlebte die Sim-Jü im Jahr 1948. Damals wurde ein Landmaschinenpark angegliedert, der zunächst eine erfolgreiche Entwicklung nahm.

Landmaschinen standen für technischen Fortschritt und die Modernisierung der Landwirtschaft. Ihre Präsentation passte daher zur wirtschaftlichen Bedeutung, die der Agrarsektor für die Region besaß.

Der Landmaschinenpark bildete zugleich eine Brücke zwischen dem traditionellen Warenmarkt und einer moderner werdenden Wirtschaft. Die Veranstaltung war nicht allein ein Ort des Vergnügens, sondern bot auch Raum für technische Präsentationen und gewerbliche Interessen.

Aus diesem Bereich entwickelte sich später die Gewerbeschau, die parallel zur Kirmes durchgeführt wurde.

Damit entstand eine weitere Verbindung zwischen Tradition und Gegenwart: Während die Kirmes zunehmend durch Fahrgeschäfte, Gastronomie und Unterhaltung geprägt wurde, blieb der wirtschaftliche Charakter des historischen Marktes in ergänzenden Veranstaltungsangeboten erhalten.

Aus dem Viehmarkt wird der Krammarkt am Sim-Jü-Dienstag

Eine besonders anschauliche Verbindung zwischen der alten und der heutigen Sim-Jü ist der traditionelle Krammarkt.

Er findet am letzten Kirmestag, dem Sim-Jü-Dienstag, statt und erinnert an die Ursprünge des Simon-Juda-Marktes als freien Markt.

Das Angebot unterscheidet sich deutlich von dem einer reinen Kirmes. Hier stehen nicht die Fahrgeschäfte im Mittelpunkt, sondern Waren und Gebrauchsartikel. Typischerweise gehören dazu beispielsweise Textilien, Haushaltsartikel, Blumen und andere Waren des täglichen Bedarfs.

Der Krammarkt zeigt, dass der historische Charakter der Sim-Jü nicht vollständig in den Hintergrund getreten ist. Obwohl sich das Volksfest über Jahrhunderte stark verändert hat, ist der Warenhandel weiterhin ein fester Bestandteil des Geschehens.

Die Stadt Werne führt den Markt in ihrem Veranstaltungskalender als eigenständigen Programmpunkt. Er erstreckt sich durch mehrere Straßen der Innenstadt, darunter Bonenstraße, Marktstraße, Bült und Konrad-Adenauer-Straße.

Gerade am Dienstag begegnen sich damit zwei unterschiedliche Formen des Marktes: Auf der einen Seite steht die moderne Kirmes mit ihren Fahrgeschäften und Vergnügungsangeboten, auf der anderen Seite der traditionsreiche Krammarkt mit seinem Warenangebot.

Diese Kombination ist ein sichtbares Stück lebendiger Stadtgeschichte.

Warum die Sim-Jü in Werne bis heute in der Innenstadt stattfindet

Ein auffälliges Merkmal der Sim-Jü ist ihre Lage: Das Volksfest findet nach wie vor in der Innenstadt von Werne statt.

In vielen Städten wurden traditionelle Märkte und Volksfeste im Laufe ihrer Entwicklung auf abgelegene Festplätze oder eigens angelegte Veranstaltungsflächen verlagert. In Werne hingegen blieb die historische Innenstadt der angestammte Schauplatz der Sim-Jü.

Die Stadt Werne hebt diese Kontinuität ausdrücklich als Besonderheit hervor. Über ihre mehr als 660-jährige Geschichte hinweg blieb der Simon-Juda-Markt mit dem Zentrum der Stadt verbunden.

Dadurch entsteht während der Kirmes ein besonderes Bild. Straßen, die im Alltag dem normalen Verkehr und dem Einkaufen dienen, werden zum Schauplatz eines großen Volksfestes. Plätze, die sonst Teil des Stadtlebens sind, erhalten eine neue Funktion.

Die historische Umgebung bildet dabei eine eindrucksvolle Kulisse für die modernen Fahrgeschäfte. Alte Gebäude und enge Gassen treffen auf leuchtende Karussells, Musik, Gastronomie und die Geräuschkulisse eines großen Volksfestes.

Diese Verbindung von Alt und Neu trägt wesentlich zum Charakter der Sim-Jü bei.

Die Kirmes steht nicht außerhalb der Stadt, sondern verwandelt die Stadt selbst in einen Festplatz. Werne wird zum Veranstaltungsort und zur Kulisse zugleich.

Sim-Jü im 20. Jahrhundert: Wandel und Kontinuität

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Sim-Jü zunehmend zu einem großen Volksfest, bei dem Fahrgeschäfte und Unterhaltung immer stärker in den Mittelpunkt rückten.

Dabei blieb die Veranstaltung auch in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens. Wie Erinnerungen langjähriger Besucher zeigen, war Sim-Jü für viele Menschen weit mehr als ein Termin im Veranstaltungskalender.

Der langjährige Kirmesexperte Rainer Schulz berichtete in einem Interview mit der Stadt Werne, dass die Schausteller und die Kirmes sein Leben von Kindheit an begleitet hätten. Er schilderte auch, dass während des Zweiten Weltkriegs nur wenig Anlass zum Feiern bestanden habe, sich Menschen aber weiterhin in den alten Werner Gaststätten trafen und einzelne Schausteller präsent waren.

Solche Erinnerungen verdeutlichen, welche Bedeutung ein Volksfest für die Menschen vor Ort gewinnen kann. Selbst wenn sich die äußeren Bedingungen verändern, bleibt die Veranstaltung Teil der persönlichen und gemeinschaftlichen Erinnerung.

Die Geschichte der Sim-Jü ist deshalb nicht nur durch Urkunden und Jahreszahlen geprägt. Sie lebt auch in Erzählungen über frühere Fahrgeschäfte, besondere Erlebnisse, Schaustellerfamilien und gemeinsame Kirmesbesuche weiter.

Viele dieser Erinnerungen verbinden mehrere Generationen miteinander. Eltern erzählen ihren Kindern von den Fahrgeschäften ihrer Kindheit, Großeltern erinnern sich an frühere Kirmesbilder und langjährige Besucher vergleichen das heutige Angebot mit den Attraktionen vergangener Jahrzehnte.

Dadurch erhält die Sim-Jü eine zusätzliche historische Dimension: Sie ist nicht nur ein wiederkehrendes Ereignis, sondern ein Stück gelebter Alltags- und Erinnerungskultur.

Die Sim-Jü heute: Eine Großkirmes mit historischen Wurzeln

Sim-Jü Werne
Sim-Jü Werne

Heute präsentiert sich die Sim-Jü als großes Volksfest mit einem umfangreichen Angebot für unterschiedliche Altersgruppen.

Die Stadt Werne bezeichnet sie als das größte Volksfest an der Lippe. Nach ihren Angaben wird die Kirmes jährlich von bis zu rund 200 Schaustellerbetrieben beschickt. Hinzu kommen mehr als 300 sogenannte fliegende Händler. Die Besucherzahlen werden auf bis zu 400.000 pro Jahr geschätzt.

Diese Angaben sind als Größenordnung zu verstehen und nicht als garantierte Besucherzahl für jedes einzelne Veranstaltungsjahr.

Das heutige Angebot umfasst unterschiedlichste Fahrgeschäfte, Familienattraktionen, Spiel- und Verkaufsgeschäfte sowie gastronomische Angebote. Damit greift die Sim-Jü jene Entwicklung auf, die bereits im 19. Jahrhundert mit den ersten Karussells und Schaukeln begonnen hatte.

Gleichzeitig bleibt die Veranstaltung ihrem traditionellen Termin rund um den Gedenktag von Simon und Juda am 28. Oktober treu. Die Kirmes findet üblicherweise Ende Oktober statt und erstreckt sich über vier Tage.

Die Verbindung zur historischen Innenstadt, der Krammarkt am Dienstag und die feste Verankerung im örtlichen Veranstaltungskalender machen deutlich, dass sich die Sim-Jü nicht vollständig von ihren Ursprüngen entfernt hat.

Aus einem mittelalterlichen Markt ist eine moderne Großkirmes geworden. Doch der historische Name, der traditionsreiche Termin und der Warenmarkt erinnern weiterhin an die Anfänge im 14. Jahrhundert.

Das Stadtmuseum bewahrt die Geschichte der Sim-Jü in Werne

Dass die Sim-Jü für Werne eine besondere Bedeutung besitzt, zeigt sich auch daran, dass ihr im Stadtmuseum eine eigene Abteilung gewidmet ist.

Dort wird deutlich, wie eng die Geschichte des Volksfestes mit der Entwicklung der Stadt verbunden ist. Historische Darstellungen und Fotografien ermöglichen Einblicke in frühere Zeiten und zeigen, wie sich das Markt- und Kirmesgeschehen im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.

Besonders wertvoll sind dabei die persönlichen Erinnerungen. Sie machen verständlich, wie sehr die Veranstaltung das Leben der Menschen geprägt hat und weshalb bestimmte Attraktionen, Begegnungen oder Kirmestage bis heute in Erinnerung bleiben.

Im Jahr 2026 rief das Stadtmuseum im Rahmen eines Erzählcafés dazu auf, solche Erinnerungen zu teilen. Gesucht wurden Geschichten über längst verschwundene oder bis heute beliebte Fahrgeschäfte, besondere Begegnungen und Erlebnisse auf dem Krammarkt.

Solche Initiativen verdeutlichen, dass Heimatgeschichte nicht nur aus amtlichen Dokumenten besteht. Sie entsteht auch aus den Erfahrungen der Menschen, die ein Ereignis über viele Jahre hinweg begleitet haben.

Damit ist die Geschichte der Sim-Jü keineswegs abgeschlossen. Sie wird mit jedem weiteren Jahrgang fortgeschrieben.

Weshalb Sim-Jü für Werne mehr als eine Kirmes ist

Ein Volksfest kann aus vielen Gründen erfolgreich sein: durch spektakuläre Fahrgeschäfte, ein abwechslungsreiches Angebot, eine gute Erreichbarkeit oder seine Bedeutung als Treffpunkt für Menschen aus der Region.

Bei der Sim-Jü kommt eine lange historische Entwicklung hinzu.

Seit dem dokumentierten Marktrecht von 1362 ist der Simon-Juda-Markt eng mit Werne verbunden. Über Jahrhunderte hinweg veränderten sich das Handelsgeschehen, die Unterhaltungsangebote und die technischen Möglichkeiten. Aus einem traditionellen Markt entwickelte sich ein großes Volksfest, ohne dass der historische Name und die Verbindung zur Innenstadt verloren gingen.

Gerade diese Kontinuität macht den besonderen Charakter der Sim-Jü aus.

Wenn Ende Oktober die Fahrgeschäfte leuchten und Menschen durch die historische Innenstadt strömen, begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise. Was einst als Markt mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung begann, ist heute ein Fest, das Unterhaltung, Begegnung und Tradition miteinander verbindet.

Für viele Besucher gehört die Sim-Jü zum festen Jahreslauf. Der Besuch kann eine Kindheitserinnerung sein, ein Familienausflug, ein Treffen mit Freunden oder schlicht die Freude an einer traditionsreichen Kirmes.

Und genau darin liegt die Stärke dieser Veranstaltung: Sie hat sich über die Jahrhunderte verändert und zugleich einen unverwechselbaren Platz im Leben der Stadt bewahrt.

Fazit: Mehr als 660 Jahre Sim-Jü in Werne – eine Tradition, die weiterlebt

Die Geschichte der Sim-Jü beginnt nicht mit Achterbahnen, Autoscootern oder bunten Lichterketten. Ihre Wurzeln liegen im mittelalterlichen Marktgeschehen, als das Marktrecht von 1362 Werne einen wichtigen wirtschaftlichen Impuls gab.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich der Simon-Juda-Markt von einem Handels- und Viehmarkt zu einer Veranstaltung, bei der Schaustellungen, Karussells und technische Neuheiten immer mehr an Bedeutung gewannen. Die Entwicklung im 19. Jahrhundert, die Erweiterungen im 20. Jahrhundert und die bis heute gepflegte Tradition des Krammarktes zeigen, wie anpassungsfähig dieses Volksfest geblieben ist.

Heute steht die Sim-Jü für eine gelungene Verbindung aus Geschichte und modernem Kirmesvergnügen. Die Veranstaltung hat ihren festen Platz im Herzen von Werne behalten und zieht Menschen aus der Stadt und der gesamten Region an.

Seit mehr als 660 Jahren gehört der Simon-Juda-Markt zur Geschichte Wernes. Und solange sich Ende Oktober die Innenstadt in einen großen Festplatz verwandelt, bleibt die Sim-Jü ein lebendiges Stück westfälischer Volksfesttradition.


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Wenn Warendorf Kopf steht: Die Geschichte, Bräuche und Kirmes des Fettmarktes

Geschichte Fettmarkt Warendorf SINCE 1657

Kaum ein Fest verbindet in Warendorf Geschichte, Handel, Geselligkeit und Kirmesvergnügen so eindrucksvoll wie der Fettmarkt. Was heute für viele Besucher vor allem nach Karussells, gebrannten Mandeln, Trödelständen, Töttchen und einem großen Höhenfeuerwerk klingt, begann vor fast 370 Jahren als ganz anderes Ereignis: als Markt für Vieh und landwirtschaftliche Güter.

Aus einem wirtschaftlich wichtigen Viehmarkt entwickelte sich über die Jahrhunderte ein großes Volksfest, das längst weit über die Grenzen Warendorfs hinaus bekannt ist. Der Fettmarkt-Mittwoch ist dabei bis heute der eigentliche Höhepunkt. Schon früh am Morgen füllt sich die Altstadt mit Trödlern und Schnäppchenjägern, während auf der Linnenwiese der Kram- und Landwirtschaftsmarkt beginnt und auf der Kirmes die Fahrgeschäfte weiter für Unterhaltung sorgen.

Gerade diese Verbindung von alter Markttradition und moderner Kirmeskultur macht den Warendorfer Fettmarkt zu etwas Besonderem.

Der Ursprung des Fettmarktes reicht bis ins Jahr 1657 zurück

Die Geschichte des Warendorfer Fettmarktes beginnt im 17. Jahrhundert. Am 3. Februar 1657 erhielt die Stadt Warendorf durch eine Urkunde des münsterschen Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen das Recht, einen freien und für jedermann zugänglichen Viehmarkt abzuhalten.

Die Entstehung des Marktes stand dabei wahrscheinlich auch im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Das regionale Wirtschaftsleben war schwer geschädigt worden, und ein großer frei zugänglicher Markt sollte dazu beitragen, Handel und wirtschaftliche Aktivitäten wieder anzukurbeln.

Ursprünglich standen vor allem Tiere sowie Waren für die Landwirtschaft im Mittelpunkt. Der Markt war damit kein Vergnügungsfest im heutigen Sinne, sondern hatte eine ganz konkrete wirtschaftliche Bedeutung.

Für die Bevölkerung in und um Warendorf war der Markttag dennoch viel mehr als nur ein Ort zum Kaufen und Verkaufen. Wenn Bauern aus der Umgebung mit ihrem Vieh in die Stadt kamen, wurde der Markt gleichzeitig zum wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt. Geschäfte wurden abgeschlossen, Neuigkeiten ausgetauscht und natürlich auch gegessen und getrunken.

Aus dieser Mischung von Handel und Geselligkeit sollte sich im Laufe der Jahrhunderte die besondere Atmosphäre des Fettmarktes entwickeln.

Woher kommt eigentlich der Name „Fettmarkt“?

Der Name klingt heute zunächst ungewöhnlich. Mit einem „fetten“ Markt im Sinne einer besonders üppigen Veranstaltung hat er jedoch nichts zu tun.

Der Begriff steht vielmehr im Zusammenhang mit dem fetten Vieh, das nach der sommerlichen Mast im Herbst zum Verkauf angeboten wurde. Die Bauern konnten auf diese Weise mit dem Verkauf ihrer Tiere Geld erwirtschaften und anschließend Dinge beschaffen, die sie für den kommenden Winter benötigten.

Die Bezeichnung „Fettmarkt“ ist nach Angaben des Heimatvereins erstmals 1824 belegt. Sie wird dem damaligen Warendorfer Bürgermeister Johann Caspar Schnösenberg zugeschrieben.

Damit steckt bereits im Namen ein Stück Wirtschaftsgeschichte: Der Fettmarkt war ursprünglich ein Markt, der stark vom bäuerlichen Jahresrhythmus geprägt war. Nach der Ernte und der sommerlichen Mast begann im Herbst eine Zeit, in der Tiere verkauft und Einnahmen in notwendige Anschaffungen umgesetzt wurden.

Vom Viehmarkt zum überregionalen Handelsplatz

Der Fettmarkt blieb nicht lange auf Vieh beschränkt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm er zunehmend den Charakter eines großen Marktes für unterschiedlichste Waren an.

Neben Tieren wurden landwirtschaftliche Produkte und Geräte, Haushaltsgegenstände und zahlreiche weitere Güter angeboten. Händler aus der weiteren Umgebung kamen nach Warendorf, um ihre Waren zu verkaufen. Damit wurde der Fettmarkt zu einem bedeutenden überregionalen Handelsplatz.

Das führte allerdings auch zu Konflikten. Die ortsansässigen Handwerker und Kaufleute sahen die auswärtige Konkurrenz nicht immer gerne. Nach den historischen Angaben des Heimatvereins versuchte die örtliche Wirtschaft zeitweise, fremde Händler durch Vorschriften und Gebühren einzuschränken. Selbst auswärtige Schmiede, Goldschmiede und Zinngießer mussten sich mit Einschränkungen arrangieren.

Der Fettmarkt zeigt damit sehr deutlich, welche Bedeutung Märkte früher für eine Stadt besaßen: Sie waren gleichzeitig Wirtschaftsraum, Begegnungsort und Schaufenster für Waren und Handwerk.

Vier Märkte mitten in der Stadt

Das historische Marktgeschehen spielte sich nicht nur an einem einzigen Platz ab. Die Warendorfer Innenstadt war in das Geschehen unmittelbar einbezogen.

Nach Angaben der Stadt prägten damals unter anderem der Krickmarkt, der Schweinemarkt, der Heumarkt und der Marktplatz das Marktgeschehen.

Historische Erinnerungen vermitteln einen besonders anschaulichen Eindruck davon, wie umfassend der Fettmarkt einst die Stadt beherrschte. In den 1920er Jahren fanden Viehmarkt und Kirmes auf dem Wilhelmsplatz statt, während sich Händlerstände entlang der Münsterstraße reihten und auf dem Marktplatz landwirtschaftliche Produkte wie Kartoffeln und Kappes angeboten wurden.

Warendorf wurde an diesen Tagen damit gewissermaßen selbst zum Marktgelände.

Wenn aus dem Markttag ein Fest wird

Handel allein erklärt jedoch nicht, warum sich der Fettmarkt zu einem derart starken Bestandteil des Warendorfer Brauchtums entwickeln konnte.

Schon seit längerer Zeit gehörten Unterhaltung und Vergnügen zum Marktgeschehen. Der Heimatverein beschreibt, dass im 20. Jahrhundert neben dem landwirtschaftlich geprägten Markt auch Kirmes und Trödelmarkt für Abwechslung sorgten.

Damit entstand eine Kombination, die bis heute erhalten geblieben ist:

Markt + Trödel + Kirmes + Essen + Geselligkeit.

Aus dem ursprünglich wirtschaftlich motivierten Markttag wurde ein Fest für die gesamte Stadt und ihre Besucher.

Die Kirmes – heute das große Vergnügen des Fettmarktes

Für viele Besucher ist die Fettmarkt-Kirmes heute der spektakulärste Teil des gesamten Festes.

Wo einst Vieh gehandelt wurde, drehen sich nun moderne Fahrgeschäfte, Kinderkarussells und zahlreiche weitere Attraktionen. Dazu kommen Spielgeschäfte, Imbissstände und Verkaufsstände. Die heutige Kirmes erstreckt sich über den Bereich Linnenwiese, Lohwall und Wilhelmsplatz sowie angrenzende Bereiche der Innenstadt.

Die Kirmes ist dabei nicht lediglich ein zusätzliches Angebot zum Fettmarkt. Sie ist zu einem festen Bestandteil der Veranstaltung geworden. Die Stadt Warendorf bezeichnet Unterhaltung und Kirmesvergnügen ausdrücklich als einen Schwerpunkt des heutigen Fettmarktes.

Kirmesvergnügen hatte schon früher seinen festen Platz

Besonders spannend wird die Geschichte der Fettmarkt-Kirmes, wenn man in persönliche Erinnerungen aus vergangenen Jahrzehnten eintaucht.

Eugenie Haunhorst, die in Warendorf aufwuchs, erinnerte sich an den Fettmarkt der 1920er Jahre als einen Höhepunkt ihrer Kindheit. Für sie war die Kirmes das eigentliche große Ziel des Tages.

Schon damals gab es ein Kinderkarussell mit bunt bemalten Pferden. Interessant ist, dass die Technik noch längst nicht dem heutigen Standard entsprach: Nach ihrer Erinnerung wurde das Karussell von einem Pferd angetrieben, das den ganzen Tag um die Mittelachse lief. Erst gegen Ende der 1920er Jahre setzte sich der elektrische Antrieb durch.

Auch andere Fahrgeschäfte sorgten für Nervenkitzel. Beschrieben werden unter anderem eine „Kaffeemühle“, eine große drehende Scheibe, eine Schiffschaukel und natürlich das Kettenkarussell.

Gerade letzteres muss für die Kinder damals eine besondere Attraktion gewesen sein. Aus den hoch schwingenden Sitzen konnte man über den Kirmesplatz schauen und sogar die eigene Stadt überblicken.

Kirmesgeld gehörte zum Erlebnis

Eine besonders schöne Erinnerung aus dieser Zeit ist das Kirmesgeld.

Kinder bekamen von ihren Eltern einen kleinen Betrag, der ausschließlich für das Vergnügen auf dem Fest bestimmt war. In den Erinnerungen von Eugenie Haunhorst waren es 50 Pfennig von den Eltern; durch einen Besuch bei Verwandten kam noch einmal derselbe Betrag dazu. Eine ganze Mark war damals ein kleines Vermögen, das für mehrere Fahrten reichen musste.

Diese Erinnerung zeigt, dass die Kirmes schon vor rund hundert Jahren ein generationsübergreifendes Erlebnis war. Erwachsene erledigten ihre Geschäfte, während Kinder ihren eigenen kleinen Festtag hatten.

Die „Kirmeskinder“ von Warendorf

Zur historischen Kirmes gehörten außerdem die Schaustellerfamilien und ihre Kinder.

Eugenie Haunhorst erinnerte sich daran, dass die „Kirmeskinder“ während ihres Aufenthaltes in Warendorf sogar die örtliche Schule besuchten. Für die Warendorfer Kinder waren diese Jungen und Mädchen etwas Besonderes – schließlich gehörten sie zu jener faszinierenden Welt, die nur für kurze Zeit mit ihren Karussells und Buden in die Stadt kam.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie eng Kirmes und Alltag früher miteinander verbunden waren. Die Schausteller waren nicht nur Menschen, die ihre Geschäfte aufbauten und einige Tage später wieder weiterzogen. Sie wurden für die Dauer des Festes zu einem sichtbaren Teil des Stadtlebens.

Kirmes zwischen Tradition und Moderne

Die heutige Fettmarkt-Kirmes hat sich technisch und hinsichtlich ihrer Fahrgeschäfte natürlich stark verändert. Aus handbetriebenen oder von Tieren bewegten Karussells wurden moderne Anlagen mit aufwendiger Lichttechnik, Musik und teilweise hoher Geschwindigkeit.

Geblieben ist jedoch das Grundprinzip: Menschen kommen zusammen, um einige Stunden dem Alltag zu entfliehen.

Die Kirmes bietet dabei etwas für unterschiedliche Generationen. Kinder finden ihre Karussells, Jugendliche suchen Nervenkitzel, Familien nutzen die speziellen Angebote des Familientages und Erwachsene treffen sich zwischen Fahrgeschäften, Gastronomie und Buden.

Am Fettmarkt-Montag steht heute ausdrücklich die Familie im Mittelpunkt. Die Schausteller bieten zahlreiche Vergünstigungen und Aktionen an. Am Dienstagabend gehört außerdem das große Höhenfeuerwerk zum festen Ablauf der Kirmestage.

Der Fettmarkt Mittwoch – der eigentliche Brauchtumstag

So groß die Kirmes inzwischen auch ist: Der besondere Charakter des Warendorfer Fettmarktes zeigt sich vor allem am Mittwoch.

Der Fettmarkt-Mittwoch ist der traditionelle Höhepunkt. Frühmorgens beginnt der große Altstadttrödel, während auf der Linnenwiese der Kram- und Landwirtschaftsmarkt startet. Hinzu kommen Tiererlebnisse und weitere Angebote.

Das Besondere daran ist die Verbindung aus Vergangenheit und Gegenwart.

Wer morgens durch die Warendorfer Altstadt läuft, erlebt nicht einfach nur einen großen Flohmarkt. Die Veranstaltung erinnert zugleich an die ursprüngliche Funktion des Fettmarktes als Handelsplatz.

Heute werden auf dem Trödelmarkt zwar vor allem gebrauchte und private Gegenstände angeboten. Historisch betrachtet passt dieser Handel aber erstaunlich gut zum Grundgedanken des Fettmarktes: Menschen kommen zusammen, um Dinge anzubieten, zu kaufen, zu tauschen und Geschäfte zu machen.

Der frühe Start der Schnäppchenjäger

Der Altstadttrödel besitzt inzwischen seinen ganz eigenen Mythos.

Der Heimatverein berichtet, dass eingefleischte Fettmarkt-Fans früher bereits vor 6 Uhr morgens, teilweise mit Taschenlampen, nach besonderen Stücken suchten. Die besten Schnäppchen und seltenen Fundstücke gingen schließlich an diejenigen, die am frühesten unterwegs waren.

Damit wurde aus einem normalen Trödelmarkt eine regelrechte Schatzsuche.

Auch heute beginnt der Altstadttrödel bereits am frühen Morgen und zieht sich durch große Teile der Innenstadt. Für viele Besucher gehört gerade diese besondere Atmosphäre zum Fettmarkt wie die Kirmes auf der Linnenwiese.

Vom „Kram“ bis zur Landwirtschaft

Parallel zum Trödelmarkt hat der Fettmarkt-Mittwoch seinen landwirtschaftlichen Charakter bewahrt.

Auf dem Kram- und Landwirtschaftsmarkt werden unterschiedlichste Waren angeboten. Die Stadt nennt unter anderem Haushaltsgegenstände, Miederwaren, Gewürze, Putzmittel und Lederwaren. Auch landwirtschaftliche Produkte gehören zum Angebot.

Tiererlebnisse erinnern ebenfalls an die bäuerlichen Wurzeln der Veranstaltung. Heute geht es dabei vor allem um das Erlebnis und die Präsentation von Bauernhoftieren; der ursprüngliche Viehhandel spielt dagegen nur noch eine sehr untergeordnete Rolle.

Die Stadt Warendorf weist darauf hin, dass der historische Großviehhandel inzwischen nicht mehr den Charakter des Fettmarktes bestimmt.

Töttchen – der Geschmack des Fettmarktes

Zu einem echten Fettmarkt gehört für viele Warendorfer noch etwas anderes: Töttchen.

Das traditionelle Gericht ist eng mit dem Fettmarkt verbunden. Laut einer historischen Darstellung des Heimatvereins begann mit der kalten Jahreszeit traditionell die Schlachtsaison. Dabei wurden alle Teile eines geschlachteten Tieres verwertet. Fleisch vom Kopf und weiteres Kleinfleisch wurde zusammen mit Beinfleisch, Zwiebeln, Gewürzen und etwas Essig zu einem kräftigen Ragout verarbeitet.

Ursprünglich galt Töttchen als einfache beziehungsweise eher arme Leute zugeschriebene Speise. Im Laufe der Zeit wurde es jedoch zu einer regionalen Spezialität.

Am Fettmarkt gehörte Töttchen traditionell zu den stärkenden Speisen für die Besucher. Historische Erinnerungen berichten davon, dass Bauern nach ihrer Ankunft in Warendorf zunächst in eine Gastwirtschaft einkehrten und sich mit einer Portion Töttchen stärkten, bevor sie ihren Rundgang über den Viehmarkt begannen.

So wurde das Gericht selbst zum Teil des Brauchtums.

Der Schnaps zum Geschäft beim Fettmarkt

Auch der Schnaps gehörte früher fest zum Fettmarktgeschehen.

Nach den Erinnerungen, die der Heimatverein dokumentiert hat, wurde ein Viehgeschäft traditionell mit einem Schnaps besiegelt. Auch zum Töttchen gehörte der kräftige Schluck für viele Besucher selbstverständlich dazu. In Warendorf wurde der Schnaps teilweise in sogenannten Huildöppkes ausgeschenkt, kleinen Gläsern mit einem Fassungsvermögen von etwa 2,5 Zentilitern.

Heute ist diese Form der Trinkkultur selbstverständlich nicht mehr mit dem historischen Marktgeschehen gleichzusetzen. Als überlieferte Erinnerung erzählt sie aber viel über die sozialen Rituale, die früher zu einem Markttag gehörten.

Der Fettmarkt war eben nicht nur ein Ort für Geschäfte. Er war ein gesellschaftliches Ereignis.

Verkaufen und sofort wieder einkaufen

Eine weitere Besonderheit des historischen Fettmarktes bestand darin, dass das Geld aus dem Viehverkauf oftmals unmittelbar wieder in den Wirtschaftskreislauf floss.

Die Bauern verkauften ihre Tiere und nutzten die Einnahmen anschließend, um Hausrat, Kleidung und andere Dinge für den Winter einzukaufen. Historische Erinnerungen nennen beispielsweise Winterkleidung, Betten oder Haushaltsgegenstände.

Damit konnte ein einziger Markttag für eine Bauernfamilie wirtschaftlich eine enorme Bedeutung haben.

Der Fettmarkt war also gewissermaßen ein großer saisonaler Einkaufstag: erst verkaufen, dann einkaufen – und zwischendurch Kirmes, Essen und Geselligkeit.

Auch der Kappes gehörte zum Fettmarkt

Heute denkt man beim Fettmarkt wohl eher an Trödel und Kirmes. Früher spielte jedoch auch der Einkauf von Lebensmitteln eine wichtige Rolle.

In den Erinnerungen von Eugenie Haunhorst wird beispielsweise ausführlich vom Verkauf von Kappes und Kartoffeln berichtet. Die Familie kaufte größere Mengen ein, um anschließend zu Hause Sauerkraut herzustellen. Selbst die notwendige Sauerkrautschabe wurde für einige Stunden ausgeliehen.

Der Fettmarkt wirkte damit weit über den eigentlichen Festtag hinaus. Einkäufe, die dort getätigt wurden, bestimmten teilweise die Arbeit und Versorgung der Familien für Wochen oder sogar den gesamten Winter.

Was vom alten Fettmarkt geblieben ist

Der Fettmarkt hat sich im Laufe von fast vier Jahrhunderten enorm verändert.

Der Viehhandel, der einst im Zentrum stand, ist heute kaum noch prägend. Stattdessen stehen Kirmes, Altstadttrödel, Kram- und Landwirtschaftsmarkt, Gastronomie und gemeinsames Feiern im Vordergrund. Die Stadt selbst beschreibt den heutigen Fettmarkt als moderne Traditionsveranstaltung, die ihre historischen Wurzeln dennoch nicht verleugnet.

Gerade darin liegt die besondere Stärke des Festes.

Die Tradition wird nicht dadurch bewahrt, dass alles exakt so bleibt wie vor 100 oder 300 Jahren. Sie lebt vielmehr weiter, indem sich die Veranstaltung verändert und gleichzeitig bestimmte Elemente erhalten bleiben.

Der Fettmarkt-Mittwoch ist weiterhin der große Markt- und Brauchtumstag. Töttchen gehört nach wie vor zur kulinarischen Erinnerung. Die Altstadt wird erneut zum Treffpunkt. Und auf dem Kirmesplatz drehen sich weiterhin die Karussells.

Fast 370 Jahre Fettmarkt – und die Kirmes mittendrin

Vom Viehmarkt des Jahres 1657 bis zur heutigen Fettmarkt-Kirmes war es ein langer Weg.

Die Entwicklung lässt sich dabei fast wie eine Geschichte des gesellschaftlichen Wandels lesen:

1657: Der Markt entsteht als freier Viehmarkt und soll Handel und Wirtschaft beleben.
19. Jahrhundert: Aus dem Viehmarkt wird zunehmend ein umfangreicher Handelsmarkt.
20. Jahrhundert: Landwirtschaftlicher Handel, Trödel und Kirmes prägen das Erlebnis.
Heute: Die Kirmes ist ein zentraler Publikumsmagnet, während Fettmarkt-Mittwoch, Altstadttrödel sowie Kram- und Landwirtschaftsmarkt die historische Identität bewahren.

Gerade die Kirmes zeigt, wie selbstverständlich sich Tradition und moderne Volksfestkultur miteinander verbinden können.

Denn während die Waren und Fahrgeschäfte wechseln, bleibt das eigentliche Prinzip erstaunlich konstant: Man trifft sich in Warendorf, man erlebt etwas gemeinsam, man handelt, man isst, man feiert – und für ein paar Tage steht die Stadt ganz im Zeichen des Fettmarktes.

Warendorfer Fettmarkt: Ein Stück lebendige Stadtgeschichte

Vielleicht ist es genau das, was den Fettmarkt so besonders macht.

Er ist weder nur Kirmes noch nur Markt. Er ist weder reines Volksfest noch ausschließlich historisches Brauchtum. Der Warendorfer Fettmarkt ist eine Veranstaltung, in der mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte gleichzeitig sichtbar werden.

Auf der einen Seite stehen die modernen Fahrgeschäfte der Fettmarkt-Kirmes, die leuchtenden Buden und das Höhenfeuerwerk. Auf der anderen Seite erinnern der Altstadttrödel, der Kram- und Landwirtschaftsmarkt, das Töttchen und die überlieferten Geschichten an die Zeit, in der Viehhandel und landwirtschaftlicher Bedarf den Charakter des Marktes bestimmten.

Und genau deshalb gehört der Fettmarkt zu den Veranstaltungen, bei denen die Vergangenheit nicht im Museum verschwindet, sondern jedes Jahr aufs Neue mitten in Warendorf lebendig wird.

Wenn im Herbst die Karussells auf der Linnenwiese anlaufen, die ersten Trödler ihre Stände aufbauen und der Duft von Töttchen durch die Stadt zieht, beginnt in Warendorf eine Tradition, deren Wurzeln bis in das Jahr 1657 zurückreichen – und deren Kirmes heute ein fester Bestandteil dieser außergewöhnlichen Geschichte ist.

Quellen


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Die Stiepeler Fliegenkirmes – Mehr als 1.000 Jahre lebendige Tradition

Stiepeler Fliegenkirmes Fliegenplage

Die Stiepeler Fliegenkirmes in Bochum-Stiepel zählt zu den ältesten Volksfesten in Deutschland und ist ein kulturelles Markenzeichen des Stadtteils. Hier trifft jahrhundertealte Tradition auf lebendige Nachbarschaftskultur – ein Brauchtum, das heute Jung und Alt zusammenbringt.


Ursprung und historische Entwicklung

Mittelalterlicher Ursprung

Die Wurzeln der Stiepeler Fliegenkirmes reichen über 1 000 Jahre zurück: Historische Quellen nennen die Gründung der Stiepeler Dorfkirche um 1008 als Ausgangspunkt der Feierlichkeiten. Zu dieser Zeit verband man kirchliche Weihe mit einem Volksfest und einem dazugehörigen Markt – so entstanden die ersten kirmesähnlichen Zusammenkünfte.

Der ungewöhnliche Name „Fliegenkirmes“ geht auf den ursprünglichen Viehmarkt zurück: Dort zogen die Tiere viele Fliegen an, was dem Fest in der Umgangssprache früh seinen Beinamen gab. Noch heute erinnert eine Kleintierausstellung mit Geflügel und anderen Tieren an diese Vergangenheit.

Kirche und Gemeinschaft

Die Stiepeler Dorfkirche ist nicht nur ein historisches Bauwerk, sondern das geistige Zentrum des Festes. Wie bei mittelalterlichen Kirchweihen üblich, wurde die Kirmes lange Zeit im kirchlichen Rahmen begangen – mit Gottesdiensten, Segnungen und Prozessionen.

Mit wachsender Bedeutung des Volksfest­charakters trat der religiöse Ursprung mehr in den Hintergrund, blieb aber als Symbol für Gemeinschaft und Tradition erhalten.


Zeitleiste Stiepeler Fliegenkirmes: Von den Anfängen bis heute

ZeitEntwicklung
Um 1008Erste kirchliche Kirmesveranstaltungen rund um die Stiepeler Dorfkirche; Kirche als Mittelpunkt von Fest und Markt.
Mittelalter & frühe NeuzeitRegelmäßige Volksfeste mit Viehmarkt und kirchlichen Feiern; zunehmende Bedeutung als Treffpunkt der Region.
18.–19. Jh.Jahrmarktcharakter nimmt zu; Schausteller, Händler und Handwerk prägen das Fest.
1880er JahreLokale Vereine wie der Knappenverein Schlegel & Eisen engagieren sich aktiv – ein Zeichen der wachsenden Gemeinschaftsbeteiligung.
20. Jh.Traditionelle Elemente bleiben lebendig, neue Fahrgeschäfte und Spiele bereichern das Fest.
2020er JahreDie Fliegenkirmes feiert regelmäßig ihre über 1 000. (z. B. 1014., 1015.) Ausgabe und verbindet traditionelle Marktteile mit modernen Attraktionen.

Tradition trifft Moderne

Heute ist die Fliegenkirmes ein rund vier­tägiges Volksfest im Herbst mit einem abwechslungsreichen Angebot:

  • Fahrgeschäfte und klassische Jahrmarktspiele für Groß und Klein
  • Kulinarische Stände mit lokalen und internationalen Spezialitäten
  • Musik- und Unterhaltungsangebote
  • Traditionelle Elemente, wie der Viehmarkt mit Kleintierausstellung und lokalen Vereinsständen

Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen der Stadt, Vereinen und der Kirchengemeinde, die zeigt, wie eng Tradition und Gemeinschaft hier verwoben sind.


Fazit Stiepeler Fliegenkirmes

Die Stiepeler Fliegenkirmes ist weit mehr als nur ein Volksfest:
Sie ist ein lebendiges Stück Geschichte, ein Ort der Begegnung und ein Symbol für eine Region, die ihre Wurzeln pflegt und zugleich offen für Neues ist. Mit jedem Jahr wächst sie weiter – stets verbunden mit der Tradition aus dem Mittelalter.


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Die Geschichte des Libori Festes – Kirche, Brauchtum und Volkskultur

Die Geschichte des Libori-Festes

Das Libori Fest in Paderborn zählt zu den ältesten und größten Volksfesten Deutschlands. Es verbindet kirchliche Feierlichkeiten, kulturelle Events und ein lebendiges städtisches Volksfest über neun Tage hinweg – traditionell Ende Juli/Anfang August. Für die Stadt und das Erzbistum Paderborn ist Libori nicht nur Fest, sondern Ausdruck jahrhundertelanger Geschichte, religiöser Identität und sozialer Verbundenheit.


1. Ursprung: Der heilige Liborius und sein Leben

Wer war der heilige Liborius?

Er lebte im 4. Jahrhundert und war etwa 49 Jahre lang Bischof von Le Mans im damaligen Gallien (heute Frankreich). Über sein Leben gibt es nur wenige zeitgenössische Quellen, doch durch kirchliche Legenden und spätere Überlieferung lässt sich sein Wirken relativ klar skizzieren:

  • Geboren: Anfang des 4. Jahrhunderts in Gallien (genauer Zeitpunkt unbekannt).
  • Bischof von Le Mans: Er trat um 348 die Nachfolge als Bischof an und leitete das Bistum mehrere Jahrzehnte.
  • Wirken: In dieser Zeit ordnete er hunderte Priester und Diakone, gründete Kirchen, förderte die Seelsorge und trug wesentlich zur Konsolidierung des Christentums seiner Region bei.
  • Freundschaft mit Martin von Tours: Liborius gehörte zu den engen Gefährten des heiligen Martin von Tours, der ihm am Sterbebett beistand und ihn bestattete.
  • Tod: Überliefert wird sein Tod am 23. Juli 397, dem späteren Gedenktag des Heiligen.

Als Mensch des spätantiken Christentums stand Liborius in einer Zeit, in der sich die Kirche aus der Verfolgung heraus entwickelte, missionarisch wirkte und das kulturelle Leben Europas mitprägte. Seine Güte, sein seelsorgliches Wirken und seine enge Verbundenheit zum Volksglauben führten zu einer raschen Verehrung nach seinem Tod.

Verehrung, Patronate und Legenden

Liborius wird seit dem Mittelalter als Schutzheiliger verehrt, vor allem in Paderborn, wo er der Patron der Stadt, des Domes und des Erzbistums ist. Er gilt traditionell als Fürsprecher:

  • gegen Koliken, Fieber, Steinleiden – dargestellt durch ein Buch mit kleinen Steinen;
  • als Patron der guten Sterbestunde;
  • für Frieden und Verständigung zwischen Völkern.

Legenden ranken sich auch um die Reliquienübertragung: So soll ein Pfau der Prozession von Le Mans nach Paderborn im Jahr 836 vorangeflogen sein, was später zum Motiv in der Liborius‑Ikonographie wurde.


2. Die Übersiedlung der Reliquien und die Entstehung des Libori Festes

Die Übersiedlung des heiligen Liborius im Jahr 836

Im Jahr 836 suchte das junge Bistum Paderborn einen eigenen Schutzheiligen und zugleich eine geistige Verbindung zu älteren christlichen Regionen im Frankenreich. Zu diesem Zweck reiste eine Gesandtschaft nach Le Mans, um dort Reliquien eines heiligen Bischofs zu erbitten.

Die Kirche von Le Mans schenkte daraufhin die Gebeine des heiligen Liborius dem Bischof von Paderborn. Die Ankunft der Reliquien in Paderborn im Mai des Jahres 836 – begleitet von großer Verehrung des Volkes – markiert den Ursprung des Libori‑Festes.

Mit dieser Überführung wurde zugleich ein „Liebesbund ewiger Bruderschaft“ zwischen Le Mans und Paderborn geschlossen – eine kirchliche und kulturelle Verbindung, die oft als älteste Städtepartnerschaft Europas bezeichnet wird und bis heute gepflegt wird.

Die Bedeutung des Ereignisses

Die Übertragung der Reliquien war mehr als ein spirituelles Ereignis:

  • sie stärkte die kirchliche Identität des jungen Bistums;
  • sie verband unterschiedliche Kulturräume des damaligen Frankenreichs;
  • sie führte zur Einrichtung eines jährlichen Festes zu Ehren des Heiligen.

3. Die Entwicklung des Libori Festes durch die Jahrhunderte

Frühe Traditionen

Seit dem 9. Jahrhundert wurde rund um den Gedenktag des heiligen Liborius (23. Juli) in Paderborn ein Gedenk‑ und Volksfest abgehalten. Über die Jahrhunderte entwickelte es sich aus einem rein kirchlichen Anlass zu einem komplexen Brauchtum mit weltlichen Elementen.

Im 11. Jahrhundert ist sowohl das Libori‑Fest als auch die Kirmesumwandlung des „Magdalenenmarktes“ dokumentiert, was die Integration von Kirmes‑ und Volksfesttraditionen zeigt.

Krisen und Neuanfänge

Das Fest überstand auch schwere Zeiten:

  • Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurden der Domschatz und der Liborischrein geplündert; nach der Rückkehr der Reliquien 1627 begann der zweite Gedenktag, das sogenannte „Kleinlibori“ am 25. Oktober.
  • In verschiedenen Jahrhunderten erlebte das Fest Anpassungen, erneuerte liturgische Formen und entwickelte sich weiter zu einem Ort des Zusammenkommens, der Versöhnung und kulturellen Identität.

Moderne Entwicklung

Heute dauert das Fest neun Tage, und mehr als eine Million Menschen besuchen Paderborn, um an Gottesdiensten, Prozessionen, Konzerten, Kultur‑Events, Kirmes und Märkten teilzunehmen.

Die Festwoche beginnt meist am Samstag nach dem 23. Juli mit der Aussetzung des Reliquienschreins des heiligen Liborius im Dom und reicht von spirituellen bis zu weltlichen Höhepunkten:

  • Pontifikalämter und Andachten;
  • Prozessionen durch die Innenstadt;
  • traditionelle Märkte wie der „Pottmarkt“;
  • Kultur‑ und Musikprogramme;
  • Volksfestkirmes auf dem Liboriberg.

Das Fest bildet heute einen einzigartigen Dreiklang: Kirche, Kultur und Volksfest.



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📚 Quellen
  1. Wikipedia: Libori
  2. Wikipedia: Liborius von Le Mans
  3. Erzbistum Paderborn: Der heilige Liborius
  4. Libori-Gilde Paderborn: Libori-Fest
  5. Herder.de: Sei gegrüßet, o Libori
  6. Presseservice NRW: Paderborn feiert neun Tage Libori

Die Geschichte vom Pützchens Markt

Pützchens Markt Bonn

Der Pützchens Markt in Bonn gehört zu den ältesten und traditionsreichsten Volksfesten Deutschlands. Seine Ursprünge reichen bis ins 17. Jahrhundert, genauer gesagt auf das Jahr 1667. Der Name „Pützchen“ leitet sich von dem regionalen Wort „Pütz“ ab, was „Brunnen“ oder „Quelle“ bedeutet. Zentral für den Markt sind die kleine Kapelle St. Maria im Pützchen und die heilkräftige Quelle, die im Volksmund als „Pützchen“ bekannt ist.

Die Quelle und die Kapelle waren schon im Mittelalter bedeutende Wallfahrtsorte. Pilger aus der gesamten Region kamen, um das Wasser der Quelle zu nutzen und Gebete zu sprechen. Ursprünglich war der Ort nicht nur der Heiligen Maria geweiht, deren Fürbitte und Schutz die Menschen suchten, sondern auch mit der Heiligen Adelheid von Schaumburg verbunden. Die Verehrung der Heiligen Adelheid konzentrierte sich besonders auf Wohltätigkeit und Heilung, wodurch der Ort eine doppelte spirituelle Bedeutung erhielt: Die Pilger baten um Heilung und Segen und brachten Opfergaben dar.

Aus dieser Wallfahrts- und Andachtstradition entwickelte sich allmählich ein Jahrmarkt. Händler und Handwerker stellten Stände auf, boten Lebensmittel, Waren und kleine Souvenirs an, und die Verbindung von Glaube, Gemeinschaft und Handel legte den Grundstein für das spätere Volksfest.

Im 19. Jahrhundert wandelte sich der Pützchens Markt zunehmend zu einem Kirmesereignis. Schausteller, Karussells und Schaubuden bereicherten das Fest, während die reine Wallfahrtsaktivität in den Hintergrund trat. Historische Berichte erwähnen einfache Holzkarussells, Schießbuden und Zuckerwattestände, die bereits zahlreiche Besucher aus Bonn und Umgebung anzogen. Die Kapelle St. Maria und die Verehrung der Heiligen Adelheid blieben jedoch als historische und spirituelle Bezugspunkte erhalten.

Mit der technischen Entwicklung der Schaustellerbranche im 20. Jahrhundert kamen moderne Fahrgeschäfte wie Riesenräder, Schaukeln und Thrill-Rides hinzu, die das Fest zu einem der größten Volksfeste in Nordrhein-Westfalen machten. Auch Musik, Gastronomie und lokale Vereine tragen bis heute zur Attraktivität bei. Trotz Unterbrechungen durch Kriege und Krisen konnte der Pützchens Markt immer wieder aufgebaut werden.

Heute verbindet der Pützchens Markt die historische Wallfahrt zu den Heiligen Maria und Adelheid mit der modernen Kirmeskultur. Die Quelle und die Kapelle erinnern an die ursprüngliche spirituelle Bedeutung, während Fahrgeschäfte, Schaubuden und gastronomische Angebote Unterhaltung bieten. So entsteht eine einzigartige Mischung aus Glaube, Tradition und Freizeitspaß, die jährlich Tausende von Besuchern anzieht.


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