Mehr als 660 Jahre Geschichte, unzählige Generationen von Kirmesbesuchern und eine Tradition, die bis heute das Herz einer ganzen Stadt erobert: Die Sim-Jü in Werne ist weit mehr als ein gewöhnliches Volksfest. Wenn sich die historische Innenstadt Ende Oktober in ein Meer aus Lichtern verwandelt, Fahrgeschäfte ihre Runden drehen und der Duft von gebrannten Mandeln durch die Gassen zieht, lebt eine Tradition weiter, deren Wurzeln tief im Mittelalter liegen. Doch wie entstand die berühmte Sim-Jü eigentlich? Welche Bedeutung hatte der Markt für die Menschen vergangener Jahrhunderte, wie entwickelte er sich zur modernen Großkirmes und weshalb ist er für Werne bis heute so besonders?
Die Geschichte der Sim-Jü erzählt nicht nur von rasanten Fahrgeschäften und geselligen Stunden. Sie erzählt auch von mittelalterlichem Handel, wirtschaftlichem Aufschwung, technischen Neuerungen und dem Wandel einer Stadt. Vor allem aber zeigt sie, wie aus einem historischen Marktrecht eine lebendige Tradition werden konnte, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.
Die Wurzeln der Sim-Jü in Werne reichen bis ins Jahr 1362 zurück
Um die Geschichte der Sim-Jü zu verstehen, muss man weit zurückblicken. Werne an der Lippe blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im Jahr 834 wurde der Ort urkundlich erwähnt. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte entwickelte sich rund um die Pfarrkirche St. Christophorus eine Siedlung, in der sich zunehmend auch Handwerker und Gewerbetreibende niederließen.
Einen entscheidenden Meilenstein stellte das Jahr 1362 dar. Am 13. Dezember dieses Jahres verlieh Bischof Adolf von Münster Werne das Recht, eine Kirmes zu den Heiligen Simon und Juda abzuhalten. Die entsprechende Urkunde ist im Werner Stadtmuseum erhalten.

Dieses Marktrecht war weit mehr als eine bloße Genehmigung für einen Jahrmarkt. Im Mittelalter waren Marktprivilegien ein bedeutender wirtschaftlicher und politischer Faktor. Sie ermöglichten es einer Gemeinde, regelmäßig Händler und Käufer anzuziehen, den Austausch von Waren zu fördern und über die eigenen Ortsgrenzen hinaus an Bedeutung zu gewinnen.
Der Markt brachte Menschen zusammen, die andernfalls häufig weite Wege hätten zurücklegen müssen, um Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Für die örtliche Bevölkerung eröffneten sich zusätzliche Möglichkeiten, während Händler ihre Produkte einem größeren Publikum anbieten konnten.
Das Marktrecht stärkte damit auch die Stellung Wernes in der Region. Die historische Entwicklung des Simon-Juda-Marktes ist eng mit der Stadtgeschichte verbunden: Die Marktrechte von 1362 gehören zu den wichtigen Grundlagen der Entwicklung Wernes zur Stadt.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Jahr 1362 als dokumentierter Ausgangspunkt gilt. Daraus lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass zuvor keinerlei Marktveranstaltungen in Werne stattgefunden hätten. Gesichert ist jedoch, dass der Simon-Juda-Markt seit der Verleihung des Marktrechts auf eine mehr als 660-jährige urkundlich belegte Tradition zurückblickt.
Warum heißt das Volksfest Sim-Jü?
Der heute so vertraute Name „Sim-Jü“ klingt für Außenstehende vielleicht ungewöhnlich. Hinter der kurzen Bezeichnung verbirgt sich jedoch eine lange religiöse und historische Geschichte.
Der Name geht auf den Simon-Juda-Markt zurück. Simon und Juda, gemeint sind die Apostel Simon und Judas Thaddäus, teilen sich im kirchlichen Kalender den Gedenktag am 28. Oktober. An diesem Datum orientierte sich traditionell der Markt in Werne.
Die Bezeichnung „Sim-Jü“ ist eine im Laufe der Zeit entstandene Kurzform des Namens Simon-Juda. Nach Angaben der Stadt Werne wird sie bereits seit dem 19. Jahrhundert verwendet.
Auch das historische Wort „Kirmes“ erklärt einen Teil der Entstehungsgeschichte. Es ist eng mit der Kirchmesse beziehungsweise dem Kirchweihfest verbunden. Solche Festtage konnten mit besonderen Märkten einhergehen, zu denen Händler und Besucher aus den umliegenden Orten anreisten.
In der Urkunde von 1362 wurde ausdrücklich festgelegt, dass die Kirmes zu Ehren von Simon und Juda stattfinden sollte, und zwar zwei Tage vor und zwei Tage nach dem entsprechenden Festtag. Damit wurde der Markt in einen klar definierten zeitlichen Rahmen eingebettet.
Aus dieser historischen Verbindung von kirchlichem Gedenktag, Marktgeschehen und gemeinschaftlichem Fest entwickelte sich über Jahrhunderte jene Tradition, die heute unter dem Namen Sim-Jü bekannt ist.
Der Name ist somit nicht einfach eine moderne Werbebezeichnung. Er erinnert bis heute an die historischen Wurzeln des Volksfestes.
Ein mittelalterlicher Markt war noch keine Kirmes mit Achterbahnen
Wer bei der Sim-Jü an spektakuläre Fahrgeschäfte, blinkende Lichter und moderne Achterbahnen denkt, verbindet damit eine Form des Volksfestes, die erst wesentlich später entstand.
Der ursprüngliche Simon-Juda-Markt war in erster Linie ein Handelsmarkt. Händler, Handwerker, Bauern und Kaufleute konnten dort Waren anbieten, einkaufen und Geschäfte abschließen. Für die Menschen aus Werne und dem Umland war der Markt eine Gelegenheit, unterschiedliche Angebote an einem Ort zu finden und zugleich andere Menschen zu treffen.
Die Märkte vergangener Jahrhunderte waren allerdings keineswegs ausschließlich nüchterne Handelsveranstaltungen. Wo viele Menschen zusammenkamen, entwickelte sich auch ein Bedarf an Unterhaltung.
Auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jahrmärkten traten vielerorts fahrende Künstler auf. Dazu gehörten unter anderem Puppenspieler, Gaukler, Akrobaten und Bänkelsänger. Auch Schaustellungen, in denen ungewöhnliche Tiere oder vermeintliche Kuriositäten präsentiert wurden, gehörten zum historischen Jahrmarktgeschehen.
Die Stadt Werne weist in ihrer Darstellung zur Geschichte der Sim-Jü darauf hin, dass solche Unterhaltungsangebote wahrscheinlich auch den Simon-Juda-Markt bereicherten. Wann die ersten Schausteller tatsächlich nach Werne kamen, lässt sich allerdings nicht mehr genau bestimmen.
Das ist ein wichtiger Unterschied: Während das Marktrecht von 1362 urkundlich belegt ist, können einzelne frühe Attraktionen nicht lückenlos nachgewiesen werden.
Fest steht jedoch, dass sich das Marktgeschehen mit der Zeit wandelte. Neben dem Handel gewann der Unterhaltungsbereich zunehmend an Bedeutung. Aus dem traditionellen Markt entwickelte sich Schritt für Schritt ein Volksfest, bei dem Warenangebote und Vergnügen immer enger zusammengehörten.
Vom Warenmarkt zum Vergnügungsplatz: Die ersten Karussells kommen
Einen entscheidenden Entwicklungsschritt erlebte der Simon-Juda-Markt im 19. Jahrhundert.
Nach der historischen Darstellung der Stadt Werne tauchten die ersten Schaukeln und Karussells Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Markt auf. Damit begann eine Entwicklung, die das Gesicht der Sim-Jü nachhaltig verändern sollte.
Die neuen Attraktionen eröffneten Möglichkeiten, die mit dem klassischen Marktgeschehen wenig zu tun hatten. Besucher konnten nun nicht nur einkaufen, sondern sich aktiv vergnügen. Der Besuch des Marktes wurde zunehmend zu einem Erlebnis für die ganze Familie.
Im Laufe der Zeit kamen weitere Schaustellungen hinzu. Dazu zählten sogenannte Menagerien, in denen Tiere gezeigt wurden, außerdem Hippodrome, Panoramen und besondere Ausstellungseinrichtungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielten auch Kinematographen-Theater Einzug. Sie präsentierten bewegte Bilder und gehörten damals zu den technischen Sensationen ihrer Zeit.
Diese Entwicklung verdeutlicht, wie eng die Geschichte der Sim-Jü mit der Geschichte des modernen Jahrmarkts verbunden ist. Immer wieder griffen Schausteller technische Neuerungen auf, um ihr Publikum zu begeistern.
Was zunächst als zusätzlicher Unterhaltungsbereich neben dem Markt begann, gewann zunehmend an Eigenständigkeit. Die Kirmes entwickelte sich zu einem Publikumsmagneten, der nicht nur wegen der angebotenen Waren besucht wurde.
Dampfmaschinen verändern die Welt der Fahrgeschäfte
Die technische Entwicklung des 19. Jahrhunderts prägte auch die Schaustellerbranche. Der Einsatz von Dampfmaschinen beschleunigte die Weiterentwicklung mechanischer Attraktionen und eröffnete neue Möglichkeiten für den Betrieb größerer und aufwendigerer Anlagen.
Auch auf dem Simon-Juda-Markt veränderte sich das Vergnügungsangebot. Aus einfachen Schaukel- und Karussellangeboten entwickelte sich schrittweise ein vielfältigerer Kirmesbetrieb.
Im Laufe der weiteren Entwicklung kamen unterschiedliche Fahrgeschäftstypen hinzu. Die historische Stadtchronik nennt beispielsweise die sogenannte Berg- und Talbahn, frühe Auto-Karussells sowie später den „Elektroselbstfahrer“, einen Vorläufer jener Fahrgeschäfte, die heute vor allem als Autoscooter bekannt sind.
Später folgten immer schneller und spektakulärer werdende Anlagen. Bezeichnungen wie Blitz-, Schnell-, Weltraum- und Raketenbahnen spiegeln den technischen Fortschrittsoptimismus wider, der die Schaustellerwelt über viele Jahrzehnte begleitete.
Die Entwicklung verlief dabei nicht von einem Tag auf den anderen. Vielmehr wurde das Angebot über lange Zeit hinweg erweitert und verändert. Neue Attraktionen ergänzten ältere Formen des Vergnügens, während sich die Erwartungen des Publikums wandelten.
So wurde aus dem klassischen Jahrmarkt zunehmend eine Kirmes, auf der Unterhaltung und Nervenkitzel eine immer größere Rolle spielten.
Der Viehmarkt: Ein wichtiger Teil der alten Tradition
Neben den Fahrgeschäften prägte lange Zeit auch der Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Tieren die Geschichte des Simon-Juda-Marktes.
Der traditionelle Viehmarkt war ein bedeutender Bestandteil der Veranstaltung. Er passte zur wirtschaftlichen Struktur der Region, in der Landwirtschaft und Handwerk über viele Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle spielten.
Für Bauern und Händler bot der Markt eine Gelegenheit, Tiere zu handeln und wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen. Gleichzeitig kamen Käufer und Verkäufer aus der Umgebung zusammen. Der Markt erfüllte damit eine wichtige Funktion für die regionale Versorgung und den Austausch von Waren.
Mit dem Wandel der Landwirtschaft und der wirtschaftlichen Entwicklung veränderte sich jedoch auch die Bedeutung des Viehhandels. Der traditionelle Viehmarkt verlor im Laufe der Zeit zunehmend an Gewicht.
An seine Stelle traten andere Angebote, die den veränderten Bedürfnissen der Besucher und Händler entsprachen. Die Sim-Jü blieb damit nicht stehen, sondern entwickelte sich weiter.
Gerade dieser Wandel ist ein wesentlicher Teil ihrer Geschichte. Die Veranstaltung bewahrte ihren traditionellen Termin und ihren Charakter als Treffpunkt, während sich die konkreten Angebote immer wieder veränderten.
Die 1930er-Jahre: Neue Warenangebote für die ländliche Bevölkerung
Ab den 1930er-Jahren wurde das Angebot des Simon-Juda-Marktes verstärkt um Waren erweitert, die auf den Bedarf der bäuerlichen Bevölkerung zugeschnitten waren.
Damit blieb der Markt auch in einer Zeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen eng mit seiner Region verbunden. Die Besucher konnten weiterhin Waren erwerben, die für Landwirtschaft und Alltag von Bedeutung waren.
Der Markt erfüllte somit mehrere Funktionen gleichzeitig. Er war Handelsplatz, Treffpunkt und zunehmend auch ein Ort der Unterhaltung. Gerade diese Verbindung unterschied traditionelle Jahrmärkte von Veranstaltungen, die ausschließlich auf Vergnügen ausgerichtet waren.
Die Geschichte der Sim-Jü zeigt, dass ein erfolgreiches Volksfest nicht unverändert bleiben muss, um seine Tradition zu bewahren. Entscheidend ist vielmehr, dass es sich an neue Zeiten anpassen kann, ohne seine historischen Wurzeln zu verlieren.
1948: Der Landmaschinenpark bringt neuen Schwung
Einen weiteren wichtigen Entwicklungsschritt erlebte die Sim-Jü im Jahr 1948. Damals wurde ein Landmaschinenpark angegliedert, der zunächst eine erfolgreiche Entwicklung nahm.
Landmaschinen standen für technischen Fortschritt und die Modernisierung der Landwirtschaft. Ihre Präsentation passte daher zur wirtschaftlichen Bedeutung, die der Agrarsektor für die Region besaß.
Der Landmaschinenpark bildete zugleich eine Brücke zwischen dem traditionellen Warenmarkt und einer moderner werdenden Wirtschaft. Die Veranstaltung war nicht allein ein Ort des Vergnügens, sondern bot auch Raum für technische Präsentationen und gewerbliche Interessen.
Aus diesem Bereich entwickelte sich später die Gewerbeschau, die parallel zur Kirmes durchgeführt wurde.
Damit entstand eine weitere Verbindung zwischen Tradition und Gegenwart: Während die Kirmes zunehmend durch Fahrgeschäfte, Gastronomie und Unterhaltung geprägt wurde, blieb der wirtschaftliche Charakter des historischen Marktes in ergänzenden Veranstaltungsangeboten erhalten.
Aus dem Viehmarkt wird der Krammarkt am Sim-Jü-Dienstag
Eine besonders anschauliche Verbindung zwischen der alten und der heutigen Sim-Jü ist der traditionelle Krammarkt.
Er findet am letzten Kirmestag, dem Sim-Jü-Dienstag, statt und erinnert an die Ursprünge des Simon-Juda-Marktes als freien Markt.
Das Angebot unterscheidet sich deutlich von dem einer reinen Kirmes. Hier stehen nicht die Fahrgeschäfte im Mittelpunkt, sondern Waren und Gebrauchsartikel. Typischerweise gehören dazu beispielsweise Textilien, Haushaltsartikel, Blumen und andere Waren des täglichen Bedarfs.
Der Krammarkt zeigt, dass der historische Charakter der Sim-Jü nicht vollständig in den Hintergrund getreten ist. Obwohl sich das Volksfest über Jahrhunderte stark verändert hat, ist der Warenhandel weiterhin ein fester Bestandteil des Geschehens.
Die Stadt Werne führt den Markt in ihrem Veranstaltungskalender als eigenständigen Programmpunkt. Er erstreckt sich durch mehrere Straßen der Innenstadt, darunter Bonenstraße, Marktstraße, Bült und Konrad-Adenauer-Straße.
Gerade am Dienstag begegnen sich damit zwei unterschiedliche Formen des Marktes: Auf der einen Seite steht die moderne Kirmes mit ihren Fahrgeschäften und Vergnügungsangeboten, auf der anderen Seite der traditionsreiche Krammarkt mit seinem Warenangebot.
Diese Kombination ist ein sichtbares Stück lebendiger Stadtgeschichte.
Warum die Sim-Jü in Werne bis heute in der Innenstadt stattfindet
Ein auffälliges Merkmal der Sim-Jü ist ihre Lage: Das Volksfest findet nach wie vor in der Innenstadt von Werne statt.
In vielen Städten wurden traditionelle Märkte und Volksfeste im Laufe ihrer Entwicklung auf abgelegene Festplätze oder eigens angelegte Veranstaltungsflächen verlagert. In Werne hingegen blieb die historische Innenstadt der angestammte Schauplatz der Sim-Jü.
Die Stadt Werne hebt diese Kontinuität ausdrücklich als Besonderheit hervor. Über ihre mehr als 660-jährige Geschichte hinweg blieb der Simon-Juda-Markt mit dem Zentrum der Stadt verbunden.
Dadurch entsteht während der Kirmes ein besonderes Bild. Straßen, die im Alltag dem normalen Verkehr und dem Einkaufen dienen, werden zum Schauplatz eines großen Volksfestes. Plätze, die sonst Teil des Stadtlebens sind, erhalten eine neue Funktion.
Die historische Umgebung bildet dabei eine eindrucksvolle Kulisse für die modernen Fahrgeschäfte. Alte Gebäude und enge Gassen treffen auf leuchtende Karussells, Musik, Gastronomie und die Geräuschkulisse eines großen Volksfestes.
Diese Verbindung von Alt und Neu trägt wesentlich zum Charakter der Sim-Jü bei.
Die Kirmes steht nicht außerhalb der Stadt, sondern verwandelt die Stadt selbst in einen Festplatz. Werne wird zum Veranstaltungsort und zur Kulisse zugleich.
Sim-Jü im 20. Jahrhundert: Wandel und Kontinuität
Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Sim-Jü zunehmend zu einem großen Volksfest, bei dem Fahrgeschäfte und Unterhaltung immer stärker in den Mittelpunkt rückten.
Dabei blieb die Veranstaltung auch in Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens. Wie Erinnerungen langjähriger Besucher zeigen, war Sim-Jü für viele Menschen weit mehr als ein Termin im Veranstaltungskalender.
Der langjährige Kirmesexperte Rainer Schulz berichtete in einem Interview mit der Stadt Werne, dass die Schausteller und die Kirmes sein Leben von Kindheit an begleitet hätten. Er schilderte auch, dass während des Zweiten Weltkriegs nur wenig Anlass zum Feiern bestanden habe, sich Menschen aber weiterhin in den alten Werner Gaststätten trafen und einzelne Schausteller präsent waren.
Solche Erinnerungen verdeutlichen, welche Bedeutung ein Volksfest für die Menschen vor Ort gewinnen kann. Selbst wenn sich die äußeren Bedingungen verändern, bleibt die Veranstaltung Teil der persönlichen und gemeinschaftlichen Erinnerung.
Die Geschichte der Sim-Jü ist deshalb nicht nur durch Urkunden und Jahreszahlen geprägt. Sie lebt auch in Erzählungen über frühere Fahrgeschäfte, besondere Erlebnisse, Schaustellerfamilien und gemeinsame Kirmesbesuche weiter.
Viele dieser Erinnerungen verbinden mehrere Generationen miteinander. Eltern erzählen ihren Kindern von den Fahrgeschäften ihrer Kindheit, Großeltern erinnern sich an frühere Kirmesbilder und langjährige Besucher vergleichen das heutige Angebot mit den Attraktionen vergangener Jahrzehnte.
Dadurch erhält die Sim-Jü eine zusätzliche historische Dimension: Sie ist nicht nur ein wiederkehrendes Ereignis, sondern ein Stück gelebter Alltags- und Erinnerungskultur.
Die Sim-Jü heute: Eine Großkirmes mit historischen Wurzeln

Heute präsentiert sich die Sim-Jü als großes Volksfest mit einem umfangreichen Angebot für unterschiedliche Altersgruppen.
Die Stadt Werne bezeichnet sie als das größte Volksfest an der Lippe. Nach ihren Angaben wird die Kirmes jährlich von bis zu rund 200 Schaustellerbetrieben beschickt. Hinzu kommen mehr als 300 sogenannte fliegende Händler. Die Besucherzahlen werden auf bis zu 400.000 pro Jahr geschätzt.
Diese Angaben sind als Größenordnung zu verstehen und nicht als garantierte Besucherzahl für jedes einzelne Veranstaltungsjahr.
Das heutige Angebot umfasst unterschiedlichste Fahrgeschäfte, Familienattraktionen, Spiel- und Verkaufsgeschäfte sowie gastronomische Angebote. Damit greift die Sim-Jü jene Entwicklung auf, die bereits im 19. Jahrhundert mit den ersten Karussells und Schaukeln begonnen hatte.
Gleichzeitig bleibt die Veranstaltung ihrem traditionellen Termin rund um den Gedenktag von Simon und Juda am 28. Oktober treu. Die Kirmes findet üblicherweise Ende Oktober statt und erstreckt sich über vier Tage.
Die Verbindung zur historischen Innenstadt, der Krammarkt am Dienstag und die feste Verankerung im örtlichen Veranstaltungskalender machen deutlich, dass sich die Sim-Jü nicht vollständig von ihren Ursprüngen entfernt hat.
Aus einem mittelalterlichen Markt ist eine moderne Großkirmes geworden. Doch der historische Name, der traditionsreiche Termin und der Warenmarkt erinnern weiterhin an die Anfänge im 14. Jahrhundert.
Das Stadtmuseum bewahrt die Geschichte der Sim-Jü in Werne
Dass die Sim-Jü für Werne eine besondere Bedeutung besitzt, zeigt sich auch daran, dass ihr im Stadtmuseum eine eigene Abteilung gewidmet ist.
Dort wird deutlich, wie eng die Geschichte des Volksfestes mit der Entwicklung der Stadt verbunden ist. Historische Darstellungen und Fotografien ermöglichen Einblicke in frühere Zeiten und zeigen, wie sich das Markt- und Kirmesgeschehen im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.
Besonders wertvoll sind dabei die persönlichen Erinnerungen. Sie machen verständlich, wie sehr die Veranstaltung das Leben der Menschen geprägt hat und weshalb bestimmte Attraktionen, Begegnungen oder Kirmestage bis heute in Erinnerung bleiben.
Im Jahr 2026 rief das Stadtmuseum im Rahmen eines Erzählcafés dazu auf, solche Erinnerungen zu teilen. Gesucht wurden Geschichten über längst verschwundene oder bis heute beliebte Fahrgeschäfte, besondere Begegnungen und Erlebnisse auf dem Krammarkt.
Solche Initiativen verdeutlichen, dass Heimatgeschichte nicht nur aus amtlichen Dokumenten besteht. Sie entsteht auch aus den Erfahrungen der Menschen, die ein Ereignis über viele Jahre hinweg begleitet haben.
Damit ist die Geschichte der Sim-Jü keineswegs abgeschlossen. Sie wird mit jedem weiteren Jahrgang fortgeschrieben.
Weshalb Sim-Jü für Werne mehr als eine Kirmes ist
Ein Volksfest kann aus vielen Gründen erfolgreich sein: durch spektakuläre Fahrgeschäfte, ein abwechslungsreiches Angebot, eine gute Erreichbarkeit oder seine Bedeutung als Treffpunkt für Menschen aus der Region.
Bei der Sim-Jü kommt eine lange historische Entwicklung hinzu.
Seit dem dokumentierten Marktrecht von 1362 ist der Simon-Juda-Markt eng mit Werne verbunden. Über Jahrhunderte hinweg veränderten sich das Handelsgeschehen, die Unterhaltungsangebote und die technischen Möglichkeiten. Aus einem traditionellen Markt entwickelte sich ein großes Volksfest, ohne dass der historische Name und die Verbindung zur Innenstadt verloren gingen.
Gerade diese Kontinuität macht den besonderen Charakter der Sim-Jü aus.
Wenn Ende Oktober die Fahrgeschäfte leuchten und Menschen durch die historische Innenstadt strömen, begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise. Was einst als Markt mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung begann, ist heute ein Fest, das Unterhaltung, Begegnung und Tradition miteinander verbindet.
Für viele Besucher gehört die Sim-Jü zum festen Jahreslauf. Der Besuch kann eine Kindheitserinnerung sein, ein Familienausflug, ein Treffen mit Freunden oder schlicht die Freude an einer traditionsreichen Kirmes.
Und genau darin liegt die Stärke dieser Veranstaltung: Sie hat sich über die Jahrhunderte verändert und zugleich einen unverwechselbaren Platz im Leben der Stadt bewahrt.
Fazit: Mehr als 660 Jahre Sim-Jü in Werne – eine Tradition, die weiterlebt
Die Geschichte der Sim-Jü beginnt nicht mit Achterbahnen, Autoscootern oder bunten Lichterketten. Ihre Wurzeln liegen im mittelalterlichen Marktgeschehen, als das Marktrecht von 1362 Werne einen wichtigen wirtschaftlichen Impuls gab.
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich der Simon-Juda-Markt von einem Handels- und Viehmarkt zu einer Veranstaltung, bei der Schaustellungen, Karussells und technische Neuheiten immer mehr an Bedeutung gewannen. Die Entwicklung im 19. Jahrhundert, die Erweiterungen im 20. Jahrhundert und die bis heute gepflegte Tradition des Krammarktes zeigen, wie anpassungsfähig dieses Volksfest geblieben ist.
Heute steht die Sim-Jü für eine gelungene Verbindung aus Geschichte und modernem Kirmesvergnügen. Die Veranstaltung hat ihren festen Platz im Herzen von Werne behalten und zieht Menschen aus der Stadt und der gesamten Region an.
Seit mehr als 660 Jahren gehört der Simon-Juda-Markt zur Geschichte Wernes. Und solange sich Ende Oktober die Innenstadt in einen großen Festplatz verwandelt, bleibt die Sim-Jü ein lebendiges Stück westfälischer Volksfesttradition.




